Schatten gesucht

(Wallfahrt Maria Stock Juli 2015)

Richard  Šulko

Das Pilgern …

… Das erste Wochenende im Juli gehört schon jahrhundertelang zu dem Wochenende, an dem die Gläubigen nach Maria Stock (bei Luditz) kommen, um die Muttergottes anzubeten. Nachdem der Verein „Unter dem Dach“ sich der Kirche vor zehn Jahren annahm, hat sich der Vorsitzende von diesem Verein Gedanken gemacht, wie er diesen Gnadenort attraktiver machen könnte: So entstand der „Maria Stocker-Pilgerweg“. Und auch im Jahre 2015 machte sich eine Gruppe auf den Weg um die Muttergottes zu ehren, die schöne Landschaft zu bewundern und Kulturdenkmäler zu besichtigen. Dieser Pilgerweg hat drei Abschnitte: vom Kloster Tepl (Teplá) bis Neschikau (Nežichov), von Neschikau bis Theusing (Toužim) und von Theusing nach Maria Stock (Skoky). Der mittlere Teil gehört zu den anspruchsvollsten: Er ist 30 Kilometer lang und führt meistens auf Feldwegen entlang. Und gerade heuer waren die Pilger mit der Tatsache konfrontiert, bei 35 Grad Hitze diesen „Märtyrerweg“ zu gehen. Ich nehme mir immer Urlaub, um an diesem Pilgerweg teilnehmen zu können, denn auch ich habe der Muttergottes vieles zu verdanken. Und wenn man in seine Heimat verliebt ist, geht man auch gerne durch sie spazieren. Wir (das heißt elf tapfere Pilger) starteten am Freitag, den 3. Juli, um halb neun in Neschikau. Schon nach sieben Kilometern, als wir Goßmaul (Kosmová) erreichten, war uns bewusst:  Das wird heute ein ganz harter Tag. Und so war es und das nicht nur wegen der großen Hitze: Bei der „Muttergottes-Kapelle“, nicht weit von den „Sattel-Teichen“, verirrten wir uns zum ersten Mal. Mit zwei anderen Pilgern war ich ein wenig schneller an dieser Stelle angekommen, und wir wollten so schnell wie möglich das Dorf Sattel erreichen, weil uns dort eine kleine Erfrischung erwartete. Wir bogen zwar richtig am Waldesrand links ab, haben aber die Richtungsänderung nach ein paar Metern nicht gesehen und sind weiterhin am Waldesrand entlang gelaufen. Es waren sogar die Markierungen des Pilgerweges zu sehen (wir haben aber nicht gewusst, dass das die alten sind) und marschierten einfach weiter. Im diesem Jahr pflanzten die Landwirte für die Pilger eine extra „angenehme“ Pflanze ein: Raps, der sich am Feldrand mit Brennesseln vermischte. Für einen Pilger, der wegen der Hitze eine kurze Hose an hatte, war dies ein wahres Opfer: Mit starken, bis ins Blut zerschundenen Beinen erreichten wir dann einen Teich, der mir aber unbekannt vorkam. Dann sahen wir am Horizont aber schon das Dorf Sattel. Mit großem „Hurra“ rannten wir in Richtung Westen. Auf einmal war ein breiter Graben zu sehen, in dem nur Schlamm zu sehen war. Es war ein mächtiger Sprung, welchen mein schon inzwischen müder Körper leistete … der reichte aber nicht aus: Mein rechter Fuß versank bis zum Knöchel im Sumpf! Mit der Heilwirkung des Schlammes aus dem Tepler Hochland an meinem rechten Fuß, erreichte ich Sattel. In der Bio-Farma der Familie Květoň führte der erste Weg zum Wasserhahn, um meine Füße zu kühlen und vom Dreck zu befreien. Das Wasser kam aber auch bis in die Schuhe hinein, und als wir nach einer halben Stunde wieder starteten, platschte es ganz schön in meinen Schuhen. „Keine Sorge, wenn wir Schönthal erreichen, kannst du ja deine Schuhe und Socken trocken, wenn wir zu Mittag essen“ meinte Andy. Schon in Sattel zeigte uns Lenka die Tageskarte, die in Schönthal auf uns mit gut gekühltem Bier wartete. Kurz vor diesem Ort, der auf der „Kaiserstraße“ von Pilsen nach Karlsbad liegt, überraschten uns die Landwirte wieder: Jedes Jahr eine andere Pflanze, auch der Feldweg endete mitten im Feld: Nun ging es quer über's Erbsenfeld, dort wo der Traktor schon seinen Weg freimachte. Nun waren wir endlich da: kurz noch schnell die Pflicht – ein Bild vor der Laurentius-Kirche knipsen und mit Hurra in die Gaststätte. Nun kam aber der große Schock: Das Gasthaus war zu!!! Nachdem wir uns alle von diesem Schock erholt hatten, fanden wir nebenan einen Lebensmittelladen. Bier gab es nur warmes, und einen Flaschenöffner gab es auch nicht! Wie man sieht, beim Pilgern (und nicht nur beim Pilgern) in Böhmen muss der Glaube sehr groß sein;  für schwache Typen nahezu unerträglich. In Pröles (Přílezy) war unser Durst endlich gestillt: Das Ehepaar Široký hielt kühltes Bier und Wasser bereit. Die etwa letzten sieben Kilometer verliefen  problemlos und als ich nach 30 Kilometer Pilgern in glühender Sonne Theusing erreichte, ging´s mir ziemlich gut. Eine kleine „Hawai-Pizza“ und eiskaltes Bier krönten diesen anspruchsvollen Tag. 

Treffen des Heimatvereins

in Luditz in der „Penzion Harmonie“

An diesem Wochenende gab es für mich eine Neuigkeit. Immer am ersten Wochenende im Juli, wenn die Wallfahrt nach Maria Stock stattfindet, treffen sich die Vertriebenen aus Luditz (Žlutice) und aus dessen Heimatkreis immer Samstag nachmittag in Luditz. Nachdem bei den Neuwahlen beim „Heimatverein Luditz, Buchau, Deutsch-Manetin e. V.“ eine neue Vorsitzende, Helena Wiesner, gewählt wurde, die eine engere Zusammenarbeit mit uns, den „Heimatverbliebenen“ anstrebt, wurde ich zu der dort abgehaltenen Vorstandssitzung eingeladen, um etwas über die Arbeit im „Bund der Deutschen in Böhmen,e. V.“ zu sagen. In meinem Vortrag konnte ich die Anwesenden mit dem breiten Spektrum unserer  Arbeit in diesem Verband bekannt machen. In der anschließenden Diskussion konnten konkrete Projekte einer Zusammenarbeit besprochen werden.

Die heilige Messe

Der Höhepunkt des Wochenendes ist immer der Gottesdienst in der Wallfahrtskirche „Maria Stock“ bei Luditz. Trotz der Tatsache, dass die Kirche komplett ausgeplündert ist, gehört jede heilige Messe immer einem ganz besonderen Ereignis an. Ich, als „Mitorganisator“, konnte im persönlichen Gespräch mit dem Abt des Prämonstratenser Klosters P. Filip Zdeněk Lobkowicz OPraem. seine Vorstellungen für den Festgottesdienst festhalten. Die professionelle musikalische Begleitung übernahm die „Maria Stocker-Schola“, unter der Leitung von Václav Kalenda aus Prag. Neben den Marienliedern hörten wir auch das neu erschaffene Deutsch-tschechische „Maria Stocker-Ordinarium“. Die Kirche war voll besetzt, und es kamen trotz der großen Hitze auch ganz kleine Kinder, sowie ganz alte Gläubige ins „Tal zu Stock“.  Neben dem Hauptzelebranten Abt Lobkowicz feierten noch zwei Priester aus Deutschland mit: P: Klaus Oehrlein, Priorat aus Ochsenfurt und der bis aus Indien angereiste P. George Kulangara CMI. Er ist geboren in Südindien,im Bundesstaat Kerala, wo seit den Zeiten der Apostel schon Christen leben - bis heute. Er ist im Bundesstaat Utta Pradesh (liegt in Nordindien) als Provinzial seiner Gemeinschaft tätig - sowie zeitweise als Professor für Philosophie an mehreren Universitäten. Die heilige Messe verlief in wunderbarer Atmosphäre und dauerte nur eine Stunde, auch wenn sie inklusive Predigt zweisprachig gehalten wurde. Als Mitorganisator musste ich Bilder machen und musste mich auch aktiv am Gottesdienst beteiligen. Deswegen bewegte ich mich den ganzen Gottesdienst über durch die Kirche. Als ich aber in die erste Bank meinen Blick warf, war mein Herz durch Freude erfüllt: von links saßen nebeneinander: Helena Wiesner, Olga Hejhalová (mein Patenkind), meine Frau Irene, meine Tochter Resl mit ihrer Tochter Anna und meine Schwiegertochter Tereza mit ihren zwei Kindern Richard und Kristina. In der zweiten Reihe saß mein Schwiegersohn Martin Jindřich und mein älterer Sohn? Der diente am Altar als Ministrant. Das Wichtigste, was man im Leben hat, ist der Glaube. Einer der wichtigsten Aufgaben ist für die Eltern den Glauben an die Kinder weiter zu geben. Alle gemeinsam aber sollten dankbar für alle Gaben sein, die uns der Herrgott auf die Fürsprache Muttergottes gibt. Dieser Gottesdienst, verbunden mit meinen Pilgern, ist ein Beweis dafür. 

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