1. Sudetendeutsche Mundarttagung am Heiligenhof
    (Bad Kissingen 6.- 8. März 2020)

Der Freundeskreis Sudetendeutscher Mundarten unter der Leitung von Ingrid Deistler lud wieder zu einer hochinteressanten Tagung auf den Heiligenhof ein. Mit Fachvorträgen, Mundartdarbietungen und gegenseitigem Austausch wurden an diesem Wochenende Mundarten aus den ehemaligen deutschen Siedlungsgebieten in Tschechien wieder lebendig.

Nach der Begrüßung durch die Heimatpflegerin der Sudetendeutschen, Frau Dr. Zuzana Finger, begrüßte die Anwesenden am Freitagnachmittag auch die Leiterin des Freundeskreises Frau Ingrid Deistler. Nach der Vorstellungsrunde und einem guten Abendessen folgten die Hausaufgaben. Die bestanden darin, dass jeder in seiner Mundart eine Geschichte oder ein Gedicht vortrug. Roland Han aus Bernklau im Egerland brachte mehrere Witze nach Bad Kissingen mit. Der wohl schönste kam zum Schluss seiner Darbietungen: „Dåu fröigt da Bou(b sein Våtta(r: „Du Tata, woos is Alimente?“ Da Tata sågt za ihm: „Dös san Erzeugerpreis.“   In der darauffolgenden Diskussion kam etwas Interessantes: In Freiburg gibt es die IVDE, wo Mundartaufnahmen aus den 50er Jahren bis heute erhalten sind. Bernhard Geier aus Freiwaldau im Altvatergebirge brachte eine geheimnisvolle Geschichte über einen kleinen Troll an der Scheune seiner Großeltern: „Der kleine Troll hatte einen Rock aus Tannenzweigen und einen spitzigen Hut. Er saß gerne auf einer Buche: dort begegnete immer einen kleinen Specht, der nach fetten Würmern in dem Baum suchte“.

 

Morgensingen mit Fachvorträgen

Der erste Fachvortrag nach dem Morgensingen mit Ingrid Deistler kam aus Brünn. Den brachte PhDr. Mojmír Muzikant CSc. von der dortigen Universität: „Die Richtungsadverbien in den deutschen Dialekten Mährens und Schlesiens“. Für einen Egerländer ist dieses Gebiet unbekannt, aber interessant war es in jedem Falle. Es gibt deutliche Unterschiede zwischen den deutschen Sprachinseln Iglau, Brünn, Olmütz oder Wischau und den mehr geschlossenen deutschen Siedlungsgebieten wie z.B. dem Schönhengstgau. Dr. Richard Rothenhagen, ebenfalls von der Uni Brünn, berichtete über die Ortsnamen in Mundarten. In seinem Vortrag wurden Orte in Nordböhmen, Schlesien, dt. Sprachinseln und im Egerland zwischen Tachau und Bischofteinitz behandelt. Ganz typisch tauchen in der Mundart Kürzungen der Dorfnamen oder Umschreibungen der tschechischen Namen auf. Grosse lautliche Abwandlungen gibt es beim Wort „Dorf“: von „Doaf“, „Darf“, „Druhf“ bis „Teff“.  Mgr. Marek Halo von der Brünner Universität brachte das Thema: „Verben in den deutschen Mundarten Böhmens, Mährens und Schlesiens und einige Bedeutungszusammenhänge“. Halo hatte für seinem Vortrag drei Bereiche gewählt: Kleidung, Nase und Tätigkeiten. Sehr interessant war der Begriff „Kittel“ für das Hemd, welcher z.B. im Schönhengst auftaucht. Der letzte Vortrag kam von einem verbliebenen Deutschen aus Nixdorf: Roman Klinger berichtete über die deutsche Minderheit in Tschechien und ihre Mundarten. Klinger erklärte die Zahl der Deutschen aufgrund der Volkszählung 1921 bis 2011 und der politischen Entwicklung im Lande. Sehr lustig waren die österreichischen Begriffe in der Mundart.

Schreibwerkstatt

Für das Nachmittagsprogramm wurde eine Schreibwerkstatt mit Etta Engelmann, aus dem Egerland stammend, vorbereitet. Etta Engelmann fing sofort an: „Was macht ein Gedicht aus? Es muss sich reimen, Vers da sein und es sollen Strophen vorhanden sein“.  Text ist dem Rhythmus untergeordnet. Es gibt mehrere Reimtypen: die hauptsächlichen sind:  Paarreim (aabb), Kreuzreim (abab), Umfassender Reim (abba) und Reihenreim (aaaa). 1980 entstand in Amsterdam eine neue Gedichtform. Sie ist unter dem Namen Elfchen bekannt.  Etta Engelmann fischte aus einer Kiste verschiedene Gegenstände heraus: von einer Nudelwalze bis zu einer Rumpel. Die Seminarteilnehmer suchten sich dann einen Gegenstand aus und dichteten darauf ein „Elfchen“. Mit einem „Elfchen“ startete nämlich gar mancher Dichter seine Karriere. Nach der Zusammenfassung der einzelnen Elfchen hat derjenige oder diejenige ein umfassendes Gedicht geschrieben. Die Ergebnisse der neuen Dichter wurden dann noch vor dem Abendessen präsentiert.

Dudelsack am Heiligenhof

Der Abend am Heiligenhof gehört immer zu den schönsten Augenblicken in Leben eines Deutschböhmen. Als „Hausherrin“ konnten wir sogar die Traudl Kukuk unter uns begrüßen: damit war die Runde wirklich komplett. Die musikalische Umrahmung besorgten Ingrid Deistler auf die Gitarre, ihr Sohn Gerald auf dem Dudelsack und auf die Ziehharmonika spielte auch ein Egerländer: Michael Käsbauer. Jeder Teilnehmer brachte Witze, Gedichte und Erzählungen in Mundart aus seiner Heimatlandschaft. Gute Laune und Spaß, unterstützt durch gesponsertes Bier von Hans –Jürgen Lohmann aus Leipzig, krönten den Samstag.

Limerick

Sonntagfrüh starteten die Teilnehmer wieder mit dem Morgensingen. Nach dem Frühstück kamen die Präsentationen der Mundartlandschaften: Süd- und Westböhmen, Nord -und Ostböhmen und Mähren. Im Erfahrungsaustausch erzählten dann alle Teilnehmer über Neuigkeiten aus ihren Vereinen und Heimatlandschaften. Frau Dr. Finger erwähnte auch die sehr gute Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales, welches auch diese Begegnung förderte. Ingrid Deistler stellte Neuigkeiten in Sachen Musik vor, speziell das neue Buch mit einer CD von Tomáš Spurný: „Altbäurische Stücke oder Umadum“. Franz Hanika zeigte die digitale Form von mehreren Gesangsbüchern, die man dann bei Begegnungen benutzen kann. Zum Abschluss der Begegnung wurden noch Hausaufgaben ausgeteilt: die erste besteht darin, dass man zur nächsten Begegnung einen Limerick (Gedichtform) in Mundart vorbereitet. Ein ganz neues Thema tauchte beim Suchen nach einer weiteren Hausaufgabe auf: scheinbar war es der nahekommende Frühling, welcher vor allem Männer zum Thema Sexualität verführte. Man einigte sich darauf, neben diesem Thema auch andere noch wenig bearbeitete  Themen, wie z.B. Erziehung, Mode, Bräuche, für das Erarbeiten von Kurzgeschichten oder Gedichten zur nächsten Mundarttagung zu wählen. Als die Frage nach der Dokumentation der Werke von Mundartautoren aus Deutschböhmen aufkam, wurde unter anderem diese interessante Seite mit Deutschen Autoren aus dem Böhmerwald, mit tschechischer Übersetzung vorgestellt: www.kohoutikriz.org

Die nächste Mundarttagung in Bad Kissingen finden in den Tagen 5.- 7. 3. 2021 statt.

Måla Richard (Šulko)

 

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