Ich und die samtene Revolution 1989
(Erfahrung eines Deutschen aus der deutschen Minderheit in Tschechien)

Vorab zu sagen: wenn es nicht den 17. November 1989 gäbe, hätte ich mit meiner Familie vom 1. Januar 1990 ein neues Leben in der Bundesrepublik Deutschland angefangen. Das Leben im Sozialismus war in der Hinsicht, dass man ehrlich als Deutschböhme, oder Christ lebt, nicht einfach. Das wollten wir unseren Kindern nicht antun. Nach 30 Jahren ist das Geschichtsbild im Nebel, aber etwas ist doch hängen geblieben. Auch wenn man damals wie in einem Dauerrausch lebte.

Mit Hinsicht auf die Zukunft unserer Kinder habe ich im Sommer 1989 alle meine Zeugnisse und wichtigen Sachen meiner Oma mitgegeben, die zu Besuch war. Ich und meine Frau Irene konntne die letzten Jahre schon mit beiden Kindern meine Oma in der Nähe von Miltenberg am Main besuchen und ich konnte mir ein Bild über das Leben im Kapitalismus machen. Auch regelmäßiges Verfolgen des deutschen Fernsehens führte dazu, dass ich besser über die politischen Ereignisse in der Tschechoslowakei informiert war, als meine Mitarbeiter. Ich arbeitete im Jahre 1989 in der Stahlgießerei der Pilsner SKODA-Werke als Technologe. Selbstverständlich habe ich ehrlich allen meinen Mitarbeitern erzählt, wie es einem in Deutschland gut geht und wie man dort alles ohne Protektion einkaufen kann.

 

  1. November 1989

Nun kam der 17. November 1989 mit den schrecklichen Ereignissen auf der Národní třída in Prag, wo die Polizei die Studenten brutal zusammenschlug. Ich wusste selbstverständlich aus dem ZDF bestens Bescheid und erzählte es am kommenden Montag meinen Kollegen in der Arbeit. „Du bist ja bestens informiert, mache bitte den Sprecher des ´Bürgerforums´ für uns“! hörte ich unisono von den Mitarbeitern. Das Bürgerforum war die Plattform um Václav Havel, das die komplette Opposition zusammenführte. Nun habe ich mit meinen 29 Jahren und mit zwei kleinen Kindern versucht die Revolution in einem Stahlwerk zu machen, in dem die Kommunisten sehr stark waren. Als ich zum Generalstreik am 27. November 1989 aufrief, war ich sehr aufgeregt.

 

Drohungen vom kommunistischen Chef

Normalerweise ruft der Genosse Chef zu einer Beratung ein, diesmal habe ich auch den Chef eingeladen, um ihn und allen Mitarbeitern mitzuteilen, dass wir streiken. „Du könntest auf Schadenersatz angeklagt werden“! war die Antwort meines Chefs auf meine Einladung zum Generalstreik. Inzwischen gingen Gerüchte herum, dass personelle Unterlagen, die jeder im Kommunismus hatte, in den Öfen der Stahlgießerei verbrannt werden. Auch der Genosse Direktor des Modellbaus, Jindřich Mašek, soll in seinem Dienst-SKODA 120 mit Gummiknüppel im Kofferraum herumgefahren sein, um die Demonstranten zu schlagen. Nun kam der 27. November und der Tag des Generalstreiks. Unter meiner Führung gingen wir von unserem Büro aus Richtung Hauptplatz vor dem Haupttor. Der Chef nahm nicht teil: „Ich muss hier aufpassen, dass nicht etwas gestohlen wird….“.

Das Haupttor geht auf!

Auf einem Multicar, der direkt vor der Lenin-Statue stand, war auch der jetzige Hauptmann des Bezirkes Pilsen, Josef Bernard. Ein spannender Augenblick kam nach den Worten von Vojtěch Filip: „Wer will, dass wir auf den Marktplatz gehen“? Alle Hände gingen hoch, und das Haupttor wurde geöffnet! Alle strömten aus dem Werk hinaus und zogen zum Markplatz. „Die SKODA-Leute kommen“, war die schönste Parole des Tages! Das Leben ging auf sehr lebendige Art weiter. Am 1. Januar 1990 kehrte ich mit dem Pariser Schnellzug vom Hauptbahnhof Aschaffenburg wieder mit meiner Familie zurück nach Hause. Schon im Sommer 1990 beteiligte ich mich am Treffen der vertriebenen deutschen Netschetiner im Schloss Preitenstein. Am 18. März 1991 unterschrieb ich die Beitrittserklärung zur Organisation der Deutschen in Westböhmen und fing an, die Netschetiner Ortsgruppe dieses neuen Vereines in Pilsen zu gründen. Am 14. Februar 1992 fand im Hotel Manetin die Gründungsversammlung dieser Ortsgruppe statt. Seit diesem Tag, also seit 27 Jahren, wird die sehr erfolgreiche Geschichte des Verbandes der verbliebenen Egerländer aus Netschetin geschrieben. Das war aber nur möglich dank der tapferen Studenten an einem kalten November-Tag im Jahre 1989.

Måla Richard (Šulko)

   

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