„Včera jsem byl u muziky“

(Deutsche Minderheit bei der Prager Botschaft 19.08.2015)

Richard Šulko

Historische Begegnung

Der Artikelname („Gestern war ich bei der Musik“) klingt etwas verwirrend, aber der Leser beurteile selber, ob er zutreffend ist. Für Mittwoch, den 19. August 2015 lud die deutsche Botschaft zu einem historischen Treffen ein: Alle Verbände der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien wurden eingeladen um sich gegenseitig über ihre Erfahrungen auszutauschen. Die beiden Dachverbände der Deutschen: „Kulturverband der Bürger deutscher Nationalität in der Tschechischen Republik“ (Kulturverband) und die „Landesversammlung der Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien“ (Landesversammlung) wurden jeweils durch ihre Vorstände vertreten: beim Kulturverband durch die Vorsitzende Irene Nováková und bei der Landesversammlung durch den Präsident Martin Dzingel. Etwa 90 Vertreter der Verbände reisten aus allen Ecken des Landes in das ehrwürdige Prager Palais Lobkowicz an. Das Schönste aus dem Blick ins Plenum war die Tatsache, dass neben den sehr früh geborenen Amtsträgern auch ganz junge Menschen anwesend waren. Mit meiner Frau Irene vertrat ich den (Alt)-Neuen Verein „Bund der Deutschen in Böhmen, e. V.“  Da uns das Ereignis so wichtig erschien, entschieden wir uns in der Egerländer Tracht zu erscheinen.  Noch vor dem Beginn der Veranstaltung konnte das Gebäude der Botschaft besichtigt werden. Das erste Grußwort sprach der „Hausherr“: deutscher Botschafter Arndt Freiherr Freytag von Loringhoven. Danach las Maria Therese Müller, Referatsleiterin für Förderung der deutschen Minderheiten in MOE des Bundesministeriums des Innern, das Grußwort des Beauftragten der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk, vor.

Mittlerorganisationen stellen sich vor

Nach den Grußworten bekam als erste das Wort Dr. Christiane Günther vom „Goethe-Institut“, welche die Arbeit und mögliche Themen der Zusammenarbeit präsentierte. Der zweite Vortragende kam vom „Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds“: Geschäftsführer Dr. Tomáš Jelínek. In seiner Ansprache stellte er einige Projekte vor und lobte die Zusammenarbeit mit den Verbänden und Institutionen von beiden Seiten der Grenze. Dr. Christof Heinz vertrat den „Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD)“. Für mich war dies eine komplett neue und wichtige Information, denn ich arbeite in einem Forschungszentrum, und Kontakte und Zusammenarbeit sind auf diesem Gebiet unentbehrlich. Ein Besuch in Prag wird mit Sicherheit  folgen! Das „Institut für Auslandsbeziehungen“ (ifa) stellten Tomáš Randýsek und Simon Römer vor. Ohne dieses Institut wäre unsere Arbeit in diesem Ausmaß nicht vorstellbar. Nach der Vorstellung der Mittlerorganisationen wurden wir zum Mittagessen eingeladen und zu einem Erfahrungsaustausch, der bei einem Glas Wein hervorragend funktionierte.

Projektevorstellung und Tagungsabschluss

Wie der Kulturverband, so auch die Landesversammlung stellten erfolgreiche Projekte vor. Bei den sehr umfangreichen Präsentationen wurde klar: Eine aufrichtige Zusammenarbeit und Aussöhnung zwischen den Deutschen und Tschechen ist ohne ehrenamtliche Arbeit der Deutschen aus Tschechien nicht vorstellbar. Wie schon seine Exzellenz der deutsche Botschafter in seinem Grußwort erwähnte: „Ihr seid die ´Brückenbauer´ - und diese Rolle ist ganz wichtig“. In folgender Diskussion wurden auch schwierige Themen angesprochen, wie zum Beispiel die Finanzierung der Amtsträger. Auch das Thema der noch engeren Zusammenarbeit zwischen der Landesversammlung und dem Kulturverband schwebte den ganzen Tag in der Luft und wurde auch im Grußwort Koschyks erwähnt. Schade, dass wegen Zeitmangel der Erlebnisbericht zum Sommercamp in Rapotin/Reitendorf ausfallen musste. Aber auch die rege Diskussion zeigte, dass wir noch sehr viel „abarbeiten“ müssen. Kurz nach drei Uhr Nachmittag wurde die Begegnung als beendet erklärt, und wer Interesse hatte, konnte sich noch einen Dokumentarfilm über die Ereignisse auf der deutschen Botschaft aus dem Jahre 1989 ansehen.

Prag ist wirklich multikulturell

Wie ich schon am Anfang erwähnte, war dieser Tag für mich und meine Frau ein Feiertag, zu dem ich, wie viele andere Teilnehmer auch, einen Tag Urlaub nehmen musste. Wir wollten aber unsere Identität mit unseren historischen Trachten in der „goldenen Stadt“ bezeugen, und deswegen entschieden wir uns bis Abend auch in den Trachten zu bleiben. Mit einer solchen Tracht, die meine Frau und ich tragen, mit der Metro zu fahren war schon ein Erlebnis! Fast jeder hat uns angelächelt und interessiert angesehen – und dabei waren viele Nationalitäten vertreten! So wurden wir auch zum Ziel von vielen Fotos. Ich wäre neugierig, was zum Beispiel ein Chinese seinen Freunden erzählt, wenn er zuhause seine Fotos aus Prag zeigt: Ob es normal ist, dass die Tschechen so herumlaufen? Unsere Tracht ist ein Teil unserer Geschichte in Böhmen, Mähren und Schlesien. Zu der Geschichte Prags gehört wiederum das Brauhaus „U Fleků“ mit seinen Ziehharmonika-Spielern. Nach einigen Gläsern von diesem einzigartigen schwarzen Bier musste ich als Egerländer, dazu noch in Tracht, für die Japaner an unserem Tisch etwas singen: Ich gab dem „Pepik“ einen „Fünfzger“; und er spielte für mich mein Lieblingslied, welches auch mein Tata immer gerne mitsang: „Včera jsem byl u muziky“! Was für ein Tag!

 

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